Pflegefachfrau Agnès Chapaly berichtet von langen Arbeitstagen im Spital Morges. © rts

Pflegefachfrau Agnès Chapaly berichtet von langen Arbeitstagen im Spital Morges.

«Das ist kein Beruf, den man per Zufall ergreift»

fs / 26. Mai 2020 - Corona führt allen vor Augen, was Pflegefachfrauen leisten. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie anspruchsvoll ihre Arbeit ist.

Pflegefachkräfte in unterschiedlichen Abteilungen in Spitälern und in der häuslichen Krankenpflege sowie ehemalige Pflegefachfrauen sprechen im Dokumentarfilm «Pflege – Zwischen Frust und Leidenschaft» über ihre Motivation für den Beruf und die harten Arbeitsbedingungen. Der Film des Schweizer Fernsehens rts/srf wurde 2019, also noch vor der Corona-Pandemie gedreht.

12-Stunden-Tage und emotionale Belastung

Die Pflegefachkräfte erzählen unter anderem von 12-Stunden-Tagen ohne Pausen, fehlender Zeit zum Trinken und der emotionalen Belastung. Man lerne zwar in der Ausbildung, den Tag zusammen mit dem weissen Kittel in der Umkleidekabine abzugeben, sagt Agnès Chapaly. «Aber es gelingt nicht immer.» Die 27-Jährige hat ihre Ausbildung erst kürzlich abgeschlossen und arbeitet auf der Kinderstation des Spitals Morges. «Ich kann die Schranktüre schliessen, aber die meiner Seele nicht», sagt auch Carmen Catalioto Cuche. Sie arbeitet seit über zehn Jahren auf der Intensivstation am Universitätsspital Lausanne (CHUV). Dort geht es um Leben und Tod. Manche Situationen könne sie tagelang und einige ein Leben lang nicht vergessen.

Personal- und Zeitmangel

Der Personalmangel in den Spitälern führt zu Zeitmangel und dieser zu Stress und Frustration. Anne-Laure Thévoz, Dozentin Pflege an der Fachhochschule Gesundheit in Lausanne, sagt, es sei schockierend, wenn beispielsweise eine Patientin nachts Windeln tragen müsse, nur weil niemand Zeit habe, mit ihr aufs WC zu gehen. Eine solche Situation sei sowohl für die Pflegefachfrau wie für die Patientin unbefriedigend. Viele geben den Beruf auf, oft noch in jungem Alter.

Zur emotionalen kann die körperliche Erschöpfung kommen, wie bei Anita Rubini-Ghigna. Sie musste wegen eines Rückenleidens ihren Beruf aufgeben. Doch sie bleibe «für immer» Pflegefachfrau, sagt Rubini-Ghigna. Dozentin Anne-Laure Thévoz: «Das ist kein Beruf, den man per Zufall ergreift. Wenn man ihn ausübt, dann glaubt man an gewisse Werte: Solidarität, Interesse, Neugier aufs Gegenüber, eine gewisse Offenheit, Lust auf Begegnungen. Wenn man sich nicht für andere Menschen interessiert, dann wird man wohl nicht Pflegefachfrau oder Pflegefachmann.»

Initiative für bessere Arbeitsbedingungen

In der Schweiz werden zu wenig Pflegefachpersonen ausgebildet. Carmen Catalioto Cuche: «Wenn es so weiter geht, weiss ich nicht, wer uns 2030 noch pflegen wird.» Der Berufsverband SBK will mit der «Volksinitiative für eine starke Pflege» Bund und Kantone verpflichten, in Ausbildung und bessere Arbeitsbedingungen zu investieren. «Applaus allein genügt nicht», heisst es auf der Webseite der Initiative. Diese ist zurzeit im Parlament hängig. In der Wintersession hatte die konservative SVP-Nationalrätin Verena Herzog noch davor gewarnt, dass die Initiative zu «Überversorgung und ungebremster Mengenausweitung» im Pflegebereich führe. Doch die Corona-Pandemie habe nun selbst in der SVP zu einem Umdenken geführt, schreibt der Tages-Anzeiger. Viele seien nun der Meinung, dass man den Forderungen der Pflegefachkräfte entgegenkommen müsse.

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