Ein NZZ-Autor hat es gerne bequem

Barbara Marti © upg
Barbara Marti / 25. Nov 2019 - Ein «Strategieberater» wirft Frauen vor, zum Arbeiten zu bequem zu sein. Er selber scheint zu bequem für kompliziertere Sachverhalte zu sein.

Unter dem Titel «Schweizer Frauen haben es gerne bequem» durfte Gastautor Thomas Sevcik kürzlich im Magazin der «NZZ am Sonntag» eine mehrseitige «Streitschrift» schreiben. Die Zeitung stellte ihn als «Co-Gründer von Arthesia (Strategieberatung) und der Investmentfirma Xanadu Alpha» vor. Das qualifiziert ihn offenbar, um zu einem Rundumschlag gegen Frauen auszuholen. Schweizerinnen seien zu «bequem», um ganztags zu «arbeiten» ist seine Behauptung. Frauen seien folglich selber schuld, wenn sie keine Karriere machen, weniger verdienen und finanziell von einem Mann abhängig sind.

Für die hohe Teilzeitquote der Frauen gibt es eine Reihe von strukturellen Gründen, die wissenschaftlich belegt sind und hier nicht wiederholt werden müssen. Doch diese wischt Sevcik mit seinem neoliberalen Credo von der Selbstverantwortung vom Tisch. Die Probleme der Schweizerinnen auf dem Arbeitsmarkt seien «nicht in erster Linie strukturell, sondern mehrheitlich von ihnen gewollt.»

Unbezahlte Arbeit kein Thema

Über seine Polemik kann man sich zu Recht ärgern. Sie verweist aber auf grundlegende Probleme: Wenn Sevcik von «Arbeit» schreibt, meint er bezahlte Erwerbsarbeit. Die lebensnotwendige Arbeit, die überwiegend Frauen täglich unbezahlt leisten, ist ihm keine Silbe wert. Und damit ist er keineswegs allein. Diese unbezahlte Arbeit ist in der Wissenschaft, in der Politik und auch in der Öffentlichkeit nur selten ein Thema. Laut dem Bundesamt für Statistik beträgt der monetäre Wert der unbezahlten Arbeit der Frauen in der Schweiz pro Jahr 248 Milliarden Franken. Das sind fast 35 Milliarden mehr als alle Ausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden.

Rechtspopulistisches Narrativ

Hinzu kommt, dass die «NZZ am Sonntag» mit dem Untertitel «Streitschrift» offenbar bewusst die «Grenze des Sagbaren» erweitern wollte. Laut Nicole Althaus, Chefredaktorin Magazine bei der «NZZ am Sonntag», sei es schwierig gewesen, jemanden zu finden, der das Magazin-Cover zum Thema «Schweizer Frauen haben es gern bequem» illustriert. Viele hätten abgewinkt, «aus Angst, im Zentrum eines Empörungssturms zu landen». Der Brite James Lewis hat schliesslich einen lilafarbenen Schriftzug kreiert, möglicherweise in Unkenntnis des Inhaltes. Laut Althaus sind Thesen, die quer zur herrschenden Meinung stehen, «wichtig und richtig». Die Grenze des Sagbaren unterliege einem ständigen Wandel. Sie habe «nichts mit Beweisbarkeit zu tun oder mit objektiver Wahrheit». Mit solchen Sätzen leistet Althaus dem Narrativ «das wird man ja wohl noch sagen dürfen» Vorschub. Damit stellen Rechtspopulisten gesellschaftliche Fortschritte der letzten Jahrzehnte in Frage, die insbesondere Frauen mühsam erstreiten mussten. Gegenüber der «Zeit» sagte Sevcik vor ein paar Jahren, er sei ein «Gehirnwäscher»: «Die Welt ist ein Kampf um die richtige Narration.» Entlarvend ist auch seine damalige Aussage, dass er als «Sexflüchtling» nach der Wende nach Berlin gezogen sei. «Meine Berliner Freundinnen hatten schönere Unterwäsche als ihre Schweizer Kolleginnen.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Eine Meinung

Die beschriebene Haltung ist vielen Journalisten eigen. Vor kurzem habe ich eine Beanstandung gegen 10 vor 10 eingereicht. In einem
relativ ausführlichen Beitrag zu einem Pflegebedürftigen Mann wurde in einem Satz so ganz nebenbei erwähnt, dass er von seiner Ehefrau, vor allem in der Nacht, gepflegt wird. Das war es auch schon. Dabei ging es wahrscheinlich vor allem darum zu zeigen, wie man die Hohen Kosten, die in einem Pflegeheim entstehen, «umgehen» kann. So gesehen gibt es wohl viele die auf ihr «Privilegiert» sein, gratis Pflege und Betreuung zu erhalten, nicht auf's Spiel setzen wollen und die Leistung nicht erwähnen.
Martha Beéry, am 25. November 2019 um 16:16 Uhr

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