Fleiss wird als Mädcheneigenschaft diskreditiert, sagt eine Lehrerin. © pb

Fleiss wird als Mädcheneigenschaft diskreditiert, sagt eine Lehrerin.

In der Schule sind Knaben fauler als Mädchen

fs / 24. Okt 2019 - Schulen diskriminieren Jungen, weil sie weibliche Eigenschaften und Fähigkeiten höher bewerten, klagt ein Vater. Eine Lehrerin widerspricht.

In der Schweiz hat Rechtsanwalt Martin Hablützel Rekurs eingereicht, weil sein Sohn Luiz am Gymnasium nicht promoviert worden ist. Er argumentiert, dass Knaben an den Gymnasien diskriminiert werden. Sprachliche Fächer, in denen Mädchen besser seien, und weibliche Eigenschaften wie Fleiss, Anpassung und Genauigkeit hätten einen zu hohen Stellenwert. Sein Sohn ist nach Angaben der «NZZ am Sonntag» jedoch nicht an sprachlichen Fächern gescheitert, sondern weil er in Physik beim Nachbarn abgeschrieben hatte. Vater Hablützel argumentiere deshalb vor allem mit der Entwicklung von Jungen in der Pubertät.

Männlicher Minimalismus

«An den tieferen Noten der Buben ist nicht die Biologie schuld, sondern eine breite Duldung des männlichen Minimalismus in der Pubertät», schreibt Lehrerin Miriam Missura in einem Beitrag für die «NZZ am Sonntag». Fleiss habe jahrhundertelang als männliche Eigenschaft gegolten. Erst im 20. Jahrhundert durften Frauen überhaupt an Gymnasien. Und erst seit sie stärkere schulische Leistungen zeigen als Knaben, gelte Fleiss nicht mehr als erstrebenswert, «sondern wird als Mädcheneigenschaft diskreditiert und oft mit tieferer Intelligenz gleichgesetzt». Doch das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Ein Kind könne intelligent und gleichzeitig fleissig oder faul sein.

Fleiss gilt als «uncool»

Lehrerin Missura stellt bei Knaben in der Pubertät eine Tendenz zum Minimalismus auch in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern fest. Im Unterschied zu vielen Mädchen seien sie oft mit tieferen Noten zufrieden. Wer bessere Noten anstrebe gelte als «Streber» und Fleiss als «uncool». Gesellschaft und Familien würden diesen Minimalismus vor und während der Pubertät dulden. «Es wird Zeit, dass dem pubertären Minimalismus ein Riegel vorgeschoben wird.» Leistungswille gelte als eine Schlüsselkompetenz in der Wirtschaft. «Knaben müssen lernen, dass sich Motivation durch Erfolg und Erfolg durch Fleiss steigert. Den Fleiss müssen sie aber selber aufbringen.» Wenn sie dies nicht können oder wollen, sollen sie in einen anderen Bildungsgang wechseln und beispielsweise eine Lehre machen, schreibt Missura.

«Knaben nicht diskriminiert»

Franz Eberle, emeritierter Pädagogikprofessor der Universität Zürich, sagte der «NZZ am Sonntag», die Leistungskriterien an Schulen seien für Mädchen und Jungen dieselben. Knaben seien gleich fähig, diese Leistungen zu erbringen und deshalb nicht wegen ihres Geschlechtes diskriminiert: «Wenn sie während der Pubertät etwas weniger fleissig sind und nicht wollen, ist es ihr Wille, wenn sie nicht leisten.»

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2 Meinungen

Leider sind die Geschlechter nicht auf alle Niveaus unseres Bildungssystems gleich vertreten. Dies sollte auch in der Politik ankommen. Buben sind übervertreten in den Kleinklassen, sofern diese noch geführt werden, sie sind übervertreten in den niedrigeren Sekundaranforderungsstufe (A) und untervertreten in den höheren Bildungsabschlüssen. Dies ist nicht erst in der Pubertätsphase der Schüler und Schülerinnen zu beobachten. Die Erklärung liegt nicht in der Intelligenz der Kinder und Jugendlichen und auch nicht nur in den pubertären Verhaltensmustern der Jungs. Die Gründe dafür müsste man evaluieren und Lösungen finden. Die überproportional häufigen akademischen Bildungsabschlüsse der Frauen sind nicht nur zu ihrem Vorteil. Denn in den Chefetagen sind die Männer überproportional vertreten. Im Allgemeinen stellt man Personen ein, deren Bildungsabschluss man kennt. So können Tertiärabschlüsse im akademischen Bereich für sehr gut ausgebildete Frauen zum Hindernis werden.
Die Chancengerechtigkeit müssen wir auch in der Geschlechterfrage leben.
Ursula Wyss Thanei, am 24. Oktober 2019 um 11:16 Uhr
Das Problem liegt in der Koedukation. Sie ist sinnvoll im Kindergarten und der Elementarstufe, danach jedoch für beide Geschlechter mehr hinderlich als nützlich, da Schulklassen nach Geburtsjahrgängen zusammengestellt werden und nicht nach biologischem Entwicklungsgrad, der nun einmal bei beiden Geschlechtern divergiert und sich unterschiedlich rasch entwickelt. In getrennt geschlechtlichen Klassen gibt es ausserdem viel weniger Disziplinarschwierigkeiten, da Imponiergehabe nicht auftritt. Ausserdem sollte man den Fächerkanon in der Zeit der Pubertät besser bezw. endlich den Möglichkeiten der Jugendlichen anpassen.
Edith Salmen, am 26. Oktober 2019 um 14:30 Uhr

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