Die frühere Spitzensportlerin Annet Negesa kann seit der Operation nicht einmal mehr länger stehen. © ARD

Die frühere Spitzensportlerin Annet Negesa kann seit der Operation nicht einmal mehr länger stehen.

Unnötige Operation zerstörte das Leben von Sportlerinnen

fs / 24. Okt 2019 - Sportfunktionäre haben intersexuellen Athletinnen eine lebensverändernde Operation empfohlen, damit sie wieder an Wettkämpfen teilnehmen können.

Bekannteste Betroffene ist 800-Meter-Läuferin Caster Semenya. Die Südafrikanerin hat von Natur aus einen erhöhten Wert des männlichen Geschlechtshormons Testosteron in ihrem Körper. Semenya wehrte sich auf dem Rechtsweg erfolglos dagegen, ihren Körper durch Hormonpillen oder eine Operation verändern zu müssen, um die Testosteron-Obergrenze des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF einzuhalten. An Frauen-Wettkämpfen darf sie nun nicht mehr ihre Spezialstrecke laufen.

Kastration empfohlen

Aus den Prozessakten geht hervor, dass Sportfunktionäre ihr nach ihrem ersten Weltmeistertitel 2009 nahegelegt hatten, sich einer Kastration (Gonadektomie) zu unterziehen, berichtete die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Mit der medizinisch unnötigen und irreversiblen Operation werden die innenliegenden Hoden entfernt, welche die erhöhte Testosteronproduktion bewirken. Im Unterschied zur Einnahme von Hormonpillen sind für Sportverbände nach einer solchen Operation keine aufwändigen Kontrollen des Testosteron-Wertes nötig.

Athletinnen im Stich gelassen

Laut dem ARD-Dokumentarfilm «Kampf ums Geschlecht – Die verstossenen Frauen des Sports» empfahlen Sportfunktionäre auch anderen intersexuellen Athletinnen eine Operation, um ihren Testosteron-Wert zu senken. Doch offenbar sagte niemand den jungen Frauen, dass dieser Eingriff in den Körper risikoreich ist und sie danach langfristig medizinische Unterstützung brauchen und Hormone schlucken müssen. Zwei Athletinnen, die sich operieren liessen, sagen im Dokumentarfilm, dass sie nach dem Eingriff von Ärzten und dem Verband im Stich gelassen wurden:

  • Annet Negesa, 800-Meter-Läuferin aus Uganda, war 2011 Weltmeisterin bei den Juniorinnen, Afrika-Meisterin und Ugandas «Sportlerin des Jahres». Ein Jahr später durfte sie wegen erhöhter Testosteronwerte nicht an den Olympischen Spielen in London teilnehmen. Wie Semenya wusste Negesa zuvor nicht, dass sie intersexuell ist. Sportfunktionäre rieten ihr zur angeblich «harmlosen» Operation, um weiter an den Start gehen zu können. Andere Möglichkeiten habe man ihr nicht aufgezeigt. Sie habe das Gefühl gehabt, keine Wahl zu haben. Seither kann Negesa wegen schmerzender Gelenke nicht einmal mehr während längerer Zeit stehen. Leistungssport konnte sie nie mehr treiben.
  • Ähnlich wie Negesa erging es einer anderen früheren Spitzensportlerin, die anonym bleiben will. Im ARD-Dokumentarfilm erklärt sie, man habe ihr gesagt, dass sie erst wieder an Wettkämpfen teilnehmen dürfe, wenn sie sich operieren lasse. Sie hätte damals alles getan, um wieder an den Start gehen zu können, sagt sie. Doch nach der Operation kam sie nie mehr an ihre früheren Leistungen heran. Sie leidet heute an Depressionen und Knochenschwund (Osteoporose). Oft habe sie an Selbstmord gedacht. «Früher war ich eine sehr fröhliche Person. Aber heute habe ich jegliche Zuversicht verloren.»

«Das ist für mich eine Straftat»

Ob IAAF-Präsident Sebastian Coe weiss, dass Sportfunktionäre Athletinnen eine Operation empfahlen, ist unklar. Coe sagte der ARD lediglich, dass Operationen nicht Bestandteil der Testosteron-Regel des Leichtathletik-Weltverbandes seien. Diese verlange lediglich, den Testosteron-Wert mit Medikamenten zu senken, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Rechtsprofessor Steve Cornelius, früheres Mitglied der IAAF-Disziplinarkommission, sagt, es sei eine Tatsache, dass Frauen zur Operation geraten wurde, einzig um den Regeln des Weltverbandes zu entsprechen: «Das ist für mich eine Straftat.» Der Südafrikaner trat aus Protest gegen den Umgang des Weltverbandes mit den intersexuellen Athletinnen 2018 aus der IAAF-Disziplinarkommission zurück.

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keine

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