Sportreporter Martin Wolff fragte Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber nach Flirts. © zdf

Sportreporter Martin Wolff fragte Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber nach Flirts.

«Unser flotter Vierer»

fs / 24. Jan 2019 - Frauen werden im Sport und in der Sportberichterstattung wegen ihres Geschlechts nach wie vor diskriminiert. Beispiele zeigen: Es sind keine Einzelfälle.

Ende 2018 sorgte die Wahl der Fussballerin Ada Hegerberg zur Weltfussballerin für Aufsehen. Der Moderator der Gala fragte die Norwegerin nicht etwa nach ihrer sportlichen Leistung, sondern ob sie twerken könne. Twerken heisst, in die Hocke gehen und mit dem Po wackeln. Dem frisch gekürten Weltfussballer Luka Modrić stellte er diese Frage nicht.

«Haben Sie geflirtet?»

Solcher Sexismus ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem des Sports, wie Beispiele aus dem Sportjahr 2018 zeigen. Über erfolgreiche Frauen wird beispielsweise anders berichtet:

  • Am Tag nach dem Wimbledon-Sieg der deutschen Tennisspielerin Angelique Kerber befragte ZDF-Sportreporter Martin Wolff sie penetrant nach ihren Flirts in der Nacht. Fragen, die an Roger Federer oder Novak Djokovic undenkbar sind. Medienfrauen der öffentlich-rechtlichen Sender ARD, ZDF und ORF verliehen Wolff später den Negativpreis «Saure Gurke» für einen besonders frauenfeindlichen Fernsehbeitrag.
  • An der Leichtathletik-EM in Berlin gewann die deutsche 4x100-Meter Staffel der Frauen Bronze. Das ZDF kommentierte auf Twitter das Bild der vier im knappen Sportdress mit «Unser flotter Vierer!» Andere Medien bezeichneten Deutschlands beste Sprinterin Gina Lückenkemper als «Postergirl der deutschen Leichtathletik». Schwer vorstellbar, dass sie den deutschen Sprintmeister Kevin Kranz «Posterboy» nennen.

Werbung für Skirennen mit nackter Frau

Das Äussere ist wichtiger als die sportliche Leistung von Frauen:

  • In Österreich zeigte das Plakat für die Weltcup-Skirennen am Semmering eine nackte Skifahrerin, der ein Halbmond zwischen die Beine starrt. Nach Protesten zog der Skiverband (ÖSV) Ende letzten Jahres das Plakat zurück. Werbung für ein Skirennen mit einem nackten Mann ist bisher nicht bekannt.
  • In Deutschland ist der Landkreis Schmalkalden-Meiningen Sponsor des Volleyball-Frauenteams Suhl, das in der Bundesliga spielt. Der Slogan «prachtregion.de» steht auf der Hose quer über dem Gesäss der Spielerinnen. In der Saison zuvor hiess es dort «beste-lage.com». Beschwerden wegen sexistischer Werbung lehnte der Werberat, das Selbstkontrollorgan der Werbewirtschaft, ab. Es sei klar, dass es bei der besten Lage um Gewerbeimmobilien gehe.

Respekt – aber nicht für Frauen

  • Als Tennisspielerin Serena Williams im Ganzkörperanzug zum French Open in Paris antrat, kündigte der Präsident des französischen Tennisverbandes einen Dresscode an. Einen solchen Catsuit werde er nicht mehr akzeptieren, sagte Bernard Giudicelli. Es gehe um «Respekt» gegenüber dem Sport und dem Ort. Offen bleibt, ob er auch den Männern vorschreiben will, welche Kleidung er als respektvoll betrachtet.
  • In der Schweiz gab es an der Jubiläumsfeier des FC Basel für das Frauenteam keinen Platz in der Festhalle. Die FCB-Fussballerinnen mussten den ganzen Abend Lose verkaufen. Später entschuldigte sich der FCB. Er habe bei einem «hochsensiblen Thema» keine glückliche Hand gehabt.

Endlich umdenken

Sportlerinnen sind abhängig von Medien und Sponsoren. Sie ordnen sich deshalb den diskriminierenden Rahmenbedingungen unter, sagt Ilse Hartmann-Tews, Leiterin des Instituts für Soziologie und Genderforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sie forderte in «Spiegel Online» ein grundsätzliches Umdenken. Vor allem Vereine, Medien und Marketingfachleute seien in der Pflicht. Diese würden noch immer Sportlerinnen sexualisieren und das alte Klischee verbreiten, dass die sportlichen Leistungen von Frauen weniger wichtig und damit weniger berichtenswert sind. Hartmann-Tews spricht von einer Kultur der Marginalisierung und Sexualisierung des Frauensports.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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