Rechtsextreme Frauen sind oft Mittäterinnen

fs / 15. Jul 2013 - Wissenschaftlerinnen warnen davor, rechtsextreme Frauen zu unterschätzen. Se seien ebenso gewaltbereit wie ihre Kameraden.

Traditionelle Rollenklischees führen dazu, dass rechtsextreme Frauen nicht ernst genommen werden, sagt die deutsche Soziologin Michaela Köttig. Die Frage, welche Rolle Beate Zschäpe im Mord-Trio des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) spielte, wird für den Ausgang des Prozesses gegen sie entscheidend sein. Die Anklage wirft ihr vor, Mittäterin zu sein. Laut den Ermittlungsbehörden gehörten über hundert Personen zum unterstützenden Umfeld der NSU. Auf dieser Liste sind 19 Frauen.

Frauen sind nicht bloss Mitläuferinnen

Die rechtsextremen Frauen seien nicht bloss Mitläuferinnen ohne eigene Überzeugung, sagt Michaela Köttig, Professorin an der Fachhochschule Frankfurt. Sie forscht seit vielen Jahren zu Frauen und Rechtsextremismus und ist Mitbegründerin des «Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus».

«Nach dem jetzigen Wissensstand ist davon auszugehen, dass sich Beate Zschäpe aus eigener Überzeugung und bewusst für das Leben in der Illegalität und somit auch für die Morde entschieden hat», heisst es in einem offenen Brief des Forschungsnetzwerks. Im Prozess gegen Beate Zschäpe müsse alles dafür getan werden, um jenseits von Geschlechterklischees die Beteiligung von Beate Zschäpe und anderer Frauen an den Morden zu rekonstruieren.

Medien und Behörden verharmlosen Frauen

Medien und Behörden stellen rechtsextreme Frauen viel zu häufig als Mitläuferinnen, Freundinnen, Ehefrauen und unpolitisch dar und verharmlosen sie auf diese Weise, schreibt das Forschungsnetzwerk. «Extrem rechte Frauen handeln wie ihre männlichen Kameraden gewalttätig und aus politischer Überzeugung. Sie sind mitnichten als das ‘friedfertige Geschlecht’ anzusehen, als das sie mitunter dargestellt werden.»

In Skinheadgruppen, Kameradschaften, rechtsextremen Parteien und Terrorgruppen seien Frauen aktiv in den Bereichen Vernetzung, Kommunikation, Organisation, Logistik, Finanzierung, Tarnung, Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit, heisst es im offenen Brief weiter. Ohne diese Tätigkeiten von Frauen seien rechtsextreme Terrorakte, Morde und Überfälle kaum denkbar.

Rechtsextreme Szene nutzt Unterschätzung aus

Ein traditionelles Rollenbild präge auch die Arbeit des Verfassungsschutzes, «der die Aktivitäten rechtsextremer Frauen kaum wahrnimmt – im Fall von Beate Zschäpe mit tödlichen Folgen», schrieben die Wissenschaftlerinnen in einem früheren offenen Brief. Die rechtsextreme Szene nutze die Unterschätzung der Frauen bewusst. So würden Frauen beispielsweise Räume mieten, politische Gegner ausspionieren und Kontakte vermitteln und pflegen. «Selbst wenn sie aufgedeckt werden, greift noch immer die Vorstellung, sie könnten für die politisch motivierten Taten nicht verantwortlich sein.» Es seien Frauen, die in der Szene «wichtige soziale Funktionen einnehmen und die Szene nach innen stärken sowie nach aussen ‘normalisieren’».

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Offene Briefe des Forschungsnetzwerks:

Zum Prozessbeginn gegen die mutmassliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe

Zur Berichterstattung über Beate Zschäpe

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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