Die Anhörung von Anita Hill sorgte 1991 landesweit für Schlagzeilen. © awc

Die Anhörung von Anita Hill sorgte 1991 landesweit für Schlagzeilen.

Belästigungsopfer fordert Taten statt Worte

fs / 23. Mai 2019 - Anita Hill verlor Job und Ansehen, weil sie einem angehenden Richter sexuelle Belästigung vorwarf. Die Entschuldigung eines Politikers wies sie jetzt ab.

Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden hat sich nach fast dreissig Jahren bei Rechtsprofessorin Anita Hill dafür entschuldigt, dass er sie in der Senatsanhörung über ihre Belästigungsvorwürfe unfair behandelt hatte. Bei der Anhörung im Jahr 1991 ging es um die Kandidatur des konservativen Clarence Thomas für ein Richteramt am Obersten Gericht der USA. Biden war damals Vorsitzender des Justizausschusses, dem ausschliesslich weisse Männer angehörten. Als Leiter der Anhörung wurde ihm vorgeworfen, diese unfair strukturiert und rufschädigende Vorwürfe von republikanischen Senatoren gegen Hill nicht zurückgewiesen zu haben. Zeuginnen, die ähnliche Vorwürfe wie Hill gegen Thomas erhoben hatten, lud er nicht vor.

Spiessrutenlauf

Die damals 35-jährige Anita Hill warf Clarence Thomas vor, sie sexuell belästigt zu haben, als er ihr Vorgesetzter war. Für die Juristin wurde die achtstündige Anhörung zum Spiessrutenlauf. Die Republikaner im Ausschuss bezichtigten sie der Falschaussage und warfen ihr unter anderem vor, die Übergriffe nicht selber erlebt, sondern aus Büchern und juristischen Verfahren konstruiert zu haben. Es war damals der prominenteste Fall sexueller Belästigung, der öffentlich verhandelt wurde. Da Hill keinen Beweis für ihre Vorwürfe hatte, stand Aussage gegen Aussage. Clarence Thomas wurde gewählt. Eine Schlammschlacht im Umfeld der Anhörung sorgte dafür, dass Anita Hill ihr Ansehen und später auch ihre Professur an der University of Oklahoma verlor. Heute ist sie Professorin an der privaten Brandeis University im US-Bundesstaates Massachusetts.

Hoffnungsvoll dank #MeToo

In einem Beitrag für die «New York Times» schrieb Anita Hill kürzlich, es sei unerheblich, ob sie Biden vergebe oder nicht. «Eine Entschuldigung kann nie Taten ersetzen, die das Leiden stoppen.» Wenn Biden ihre Vorwürfe ernst genommen hätte, wäre schon damals klar geworden, wie verbreitet sexuelle Belästigung ist. Biden müsse sich deshalb bei allen Frauen und Männern entschuldigen, die von einer Regierung erwarten, dass sie die Aussagen einer Frau ernst nimmt und sexuelle Belästigung nicht toleriert. Die Botschaft der Anhörung sei gewesen, dass die politische Elite Frauen nicht ernst nimmt. Dieselbe Botschaft habe auch die Anhörung von Brett Kavanaugh im letzten Jahr ausgesendet. Trotzdem sei sie hoffnungsvoll, weil #MeToo die Wahrnehmung verändert habe, schreibt Hill: «Wenn wir das Ausmass des Problems wahrnehmen und allen Opfern sexueller Übergriffe zuhören, statt sie nicht ernst zu nehmen und für ihre Aussagen sogar zu bestrafen, wird auch unser politisches Führungspersonal mitmachen.»

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