Das Kollektiv «Feminicidade» trauert um Marielle Franco. © LT

Das Kollektiv «Feminicidade» trauert um Marielle Franco.

«Das ist ein Frauenmord»

fs / 26. Mär 2018 - Morde an Frauen werden in der Öffentlichkeit meist als «Beziehungsdrama» individualisiert. In andern Ländern ist von «Frauenmord» die Rede.

In der Schweiz haben in den letzten Wochen zwei Frauenmorde die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Eine Frau wurde auf offener Strasse, eine andere zu Hause erschossen. Tatverdächtig sind in beiden Fällen die Ehemänner. In Deutschland ist kürzlich eine 17-Jährige ermordet worden. Tatverdächtig ist ein Asylbewerber aus Afghanistan. Und Ende letzten Jahres hat mutmasslich ein afghanischer Flüchtling seine 15-jährige Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt erstochen.

«Beziehungstat»

In allen Fällen war schnell von «Beziehungstat», «Eifersuchtsdrama» oder «Familientragödie» die Rede. Morde an Frauen werden damit individualisiert und dem Opfer eine Mitverantwortung an der Tat zugeschoben. Diese wird als tragischer Einzelfall bezeichnet, der nichts mit strukturellen Machtverhältnissen zu tun hat. Das Wort «Mord» taucht auch in den Medien kaum auf. «Hinter dieser Sprache verschwindet die Tatsache, dass die Frau umgebracht wurde, weil sie eine Frau ist», sagt Marlene Pardeller, Gründerin der Initiative #keinemehr.

«Stockpatriarchalisches Muster»

Die Muster hinter «Beziehungstaten» und «Familientragödien» sind überall ähnlich, sagt Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle von der Technischen Universität Dortmund in der «Tageszeitung»: «Wenn wir uns die Motive ansehen, finden wir immer die klassischen Muster: Frau will Mann verlassen oder hat ihn schon verlassen und wird dann getötet. Es ist ein stockpatriarchalisches Muster, das dahintersteht.»

«Frauenmord»

In der Türkei gründeten Aktivistinnen nach dem brutalen Mord an einer 17-Jährigen im Jahr 2010 die Plattform «Wir werden die Frauenmorde stoppen». Mitinitiantin Gülsüm Kav: «Das, was da passiert ist, ist ein Frauenmord». Die Aktivistinnen organisierten wöchentliche Demonstrationen, begleiteten Mordprozesse und hielten das Thema Frauenmorde so in der Öffentlichkeit. Damit sei es gelungen, ein Umdenken in Gang zu bringen, sagt Kav: «Inzwischen haben alle Medien den Begriff 'Frauenmord' übernommen.»

Vorbild Argentinien

Auch in lateinamerikanischen Ländern begreifen Frauenorganisationen Frauenmorde als Ausdruck einer patriarchalen Gesellschaft. Als kürzlich in Brasilien die feministische Lokalpolitikerin Marielle Franco ermordet wurde, sprachen Aktivistinnen ausdrücklich von Frauenmord. Die 38-Jährige war auf dem Rückweg von einer Veranstaltung über die Rechte schwarzer Frauen mitten in Rio in ihrem Auto erschossen worden.

In Argentinien gründeten 2015 Aktivistinnen die Bewegung «Ni una menos» (nicht eine weniger). Mit Grossdemonstrationen machten sie darauf aufmerksam, dass Gewalt gegen Frauen keine Privatsache ist. Es brauche einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft weg vom Machismus. Gewalt gegen Frauen sei Ausdruck einer ungleichen, hierarchischen und gewaltvollen Kultur, die aus Frauen Besitzgegenstände macht. Die Bewegung fand rasch Anhängerinnen in anderen lateinamerikanischen und später auch in europäischen Ländern.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Neben den Abonnements-Einnahmen machen dies Spenden möglich.

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto
CH72 0900 0000 8001 5320 8 (CHF)
DE35 7001 0080 0058 5958 07 (Euro)
BIC: PBNKDEFF

Eine Meinung

Wenn ein Mann seine Frau/Geliebte ermordet wir das üblicherweise als «Beziehungsdelikt» beschönigt, wenn er sich danach selbst umbringt wird der Mord im Ausdruck «erweiterten Suizid» versteckt, allenfalls mitsamt den ermordeten Kindern...
Weshalb Morde an Frauen auch heutzutage nicht als eigenständige Morde in der Presse erwähnt werden ist nicht einsichtig!
Dafür wandern Frauen für Morde am Mann/Geliebten normalerweise länger ins Gefängnis, insbesondere, wenn sie nach längerer Zeit des Gequält werdens dem ein Ende setzen mit Vorbereitungshandlungen. Dort heisst es dann jedoch kaum mehr «Beziehungsdelikt"...
Susanne Maeder, am 17. Mai 2018 um 11:21 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung zu äussern. Wir möchten Missbräuche anonymer User möglichst vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern.