Das Chat-Fenster mit Bild und Namen von Julia Enthoven löste aggressive Reaktionen aus. © kw

Das Chat-Fenster mit Bild und Namen von Julia Enthoven löste aggressive Reaktionen aus.

Online-Hass ist heftiger gegen Frauen

fs / 26. Jul 2018 - An der Fussball-WM sind Reporterinnen massiver attackiert worden als ihre Kollegen. Ein Experiment zeigt, dass dies nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat.

Die deutsche Sportreporterin Claudia Neumann ist während der Fussball-WM online so heftig beschimpft und bedroht worden, dass ihr Arbeitgeber zwei User angezeigt hat. Häme und Kritik mussten auch männliche Reporter einstecken, sagte ZDF-Chef Thomas Bellut. Doch Neumann sei viel heftiger attackiert worden.

Geschlecht entscheidend

Die US-Amerikanierin Julia Enthoven hat mit einem Experiment gezeigt, dass das Geschlecht der Grund dafür ist, weshalb Frauen im Netz heftiger attackiert werden. Die frühere Google-Mitarbeiterin hat zusammen mit Eric Lu das Start-up «Kapwing» für die Herstellung von Online-Videos gegründet. Ihr Experiment, das Anfang dieses Jahres im englischsprachigen Raum für Aufsehen sorgte, ist aufschlussreich, auch wenn es keine wissenschaftlich fundierte Studie ist.

Sexistische Belästigungen

Enthoven baute auf der «Kapwing»-Website ein Chat-Tool ein, damit Userinnen und User Support-Fragen stellen und Verbesserungsvorschläge machen konnten. Wenn jemand darauf klickte, erschien ein Fenster mit ihrem Namen und ihrem Foto. Die 24-Jährige erhielt umgehend vor allem sexistische Belästigungen, Beleidigungen und Drohungen. Nach einem Monat setzte sie den Namen ihres männlichen Mitgründers und sein Foto ein. Die sexistischen Belästigungen hörten sofort auf. Einige Tage später gab es auch keine anzüglichen und aggressiven Kommentare mehr. Enthoven war so überrascht, dass sie das Experiment fortsetzte.

Massive Drohungen gegen fiktives Model

Sie ersetzte den Mitgründer durch ein fiktives blondes Model namens Rachel Gray. Die Kommentare änderten sich in weniger als einer Stunde, berichtete Enthoven in ihrem Blog. Neben Beleidigungen, Beschimpfungen und Belästigungen bekam die fiktive Frau auch zahlreiche Drohungen. Die Kommentare seien noch aggressiver gewesen, als die Kommentare, die sie mit ihrem eigenen Bild und Namen erhalten hatte. Die User fragten die fiktive Rachel Gray nach Nacktfotos, sexuellen Dienstleistungen und bedrohten sie massiv. Schliesslich ersetzte Enthoven das Model und deren Foto durch «Team Kapwing» und das Firmen-Logo. Die Hassflut ebbte ab. Die Kommentare wurden viel sachlicher.

«Schockierendes» Ergebnis

Enthoven analysierte für ihr Experiment während drei Monaten über 2000 Kommentare. Sie habe sich an den Sexismus in der Techindustrie gewöhnt gehabt, schreibt Enthoven. Das Experiment habe ihr jedoch klar gemacht, dass sie wegen ihres Geschlechtes massiver attackiert wird als ein Mann. «Vielleicht habe ich dies im Hinterkopf gewusst, aber ich war trotzdem schockiert, weil der Effekt so gross war.»

Anonymität fördert Kultur der Aggressionen

Die Juristin Danielle Citron von der Universität Maryland sagte in der Fachzeitschrift «Wired», dass Enthovens Experiment bisherige Forschungsergebnisse bestätige. Die Anonymität im Netz fördere eine Kultur der Aggressionen, sagte die Spezialistin für Online-Hassverbrechen. Täter können die Reaktion des Opfers nicht sehen und müssen sich deshalb nicht mit dieser auseinandersetzen. Die Anonymität habe auch zur Folge, dass Täter sich für ihre Handlungen nicht verantwortlich fühlen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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