Autorin Katrin Bauerfeind liest die Texte eines Mannes in einem einseitigen Chatverlauf vor. © ProSiben

Autorin Katrin Bauerfeind liest die Texte eines Mannes in einem einseitigen Chatverlauf vor.

So sieht der Alltag von Frauen aus

fs / 26. Mai 2020 - «Männerwelten» ist eine virtuelle Sonderausstellung. Sie zeigt, welche Übergriffe Frauen im Alltag erleben.

Autorin Sophie Passmann führte das Publikum des TV-Privatsenders ProSieben durch die Ausstellung und sagte gleich zu Beginn: «Es wird hart, es wird bitter und für manche kaum zu glauben, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch. Alles, was sie in dieser Ausstellung gleich sehen werden, ist absolut echt und Teil unseres Alltages.»

Genitalbilder im Postfach

Der Rundgang beginnt mit einem «Kunstwerk», das Schauspielerin und Moderatorin Palina Rojinski enthüllt. Es zeigt die Nahaufnahme eines männlichen Genitals. Weitere solcher «Dick-Pics» hängen gerahmt wie Kunstwerke an einer Wand. Es sind Penis-Fotos, die Männer Rojinski und Freundinnen von ihr ungefragt ins Postfach auf Social-Media geschickt haben. «Das grenzt an virtuellen Missbrauch», sagt die 35-Jährige. Davon seien nicht nur Frauen betroffen, die in der Öffentlichkeit stehen.

Sexistische Kommentare

Anschliessend lesen eine Moderatorin, eine Journalistin und eine Influencerin vor, mit welchen Kommentaren Männer ihren digitalen Briefkasten zumüllen. «Sie darf nur Sendungen moderieren, weil sie danach lutschen muss», «Wenn ich ihr eine Aufgabe stellen könnte, dann wäre es blasen», «Viel zu dünn, sie bricht bestimmt durch, wenn man’s ihr ordentlich im Bett gibt», sind einige davon. Auch Männer erhalten stumpfsinnige Kommentare, aber nicht mit Bezug auf ihr Geschlecht. Sophie Passmann: «Unter den Videos von weiblichen Influencerinnen sind im Schnitt 16 von 100 Kommentaren sexistisch. Bei männlichen Influencern sind von 100 Kommentaren wie viele sexistisch? Genau: Null.»

Anmache im Chat-Verlauf

Es gehöre zum Leben von Frauen, dass manche Alltagssituationen für sie unangenehmer sind als für Männer, sagt Passmann. Als Beispiele nennt sie den Klubbesuch, den Nachhauseweg, etwas im Internet verkaufen, ein Instagram-Post oder einfach online präsent sein. So könne aus zuerst harmlosen Konversationen ein unangenehmer Anmachversuch mit oft ekelhaftem oder beleidigendem Ausgang werden. Die Instagram-Seite «Antiflirting 2» sammelt Chat-Verläufe, die real stattgefunden haben. In einem Rollenspiel lesen die Moderatorin und Autorin Collien Ulmen-Fernandes und die Journalistin und Autorin Katrin Bauerfeind Beispiele vor.

Belästigungen, Übergriffe, Vergewaltigungen

Sexuelle Belästigung hat laut Passmann jede zweite Frau in Deutschland schon mal erlebt. Im nächsten «Ausstellungsraum» schildern Frauen ihre Erlebnisse: Von Belästigungen an der Ampel, an einer Party und an einem Date in einem Restaurant ist die Rede und von Übergriffen im Treppenhaus, im Fahrstuhl, im Taxi, an der Bar, in der Wohnung des besten Freundes. Im letzten Raum schliesslich erzählen Frauen, was sie trugen, als sie vergewaltigt wurden. Eine sagt: «Einen langen Rock und ein Shirt. Eigentlich gar nichts besonderes. Ich habe das Outfit schon hundert Mal getragen.»

«’Männerwelten’ ist eine Dauerausstellung»

Dieser kleine Einblick in die Realität von Frauen werde die Welt nicht verändern, sagt Passmann. «Denn leider ist ‘Männerwelten’ eine Dauerausstellung, die sich nicht auf ein paar Fernsehminuten und einzelne Räume beschränken lässt, sondern während und nach dieser Sendung weiter geht.» Sexuelle Belästigung werde nicht so schnell verschwinden, aber man müsse sie nicht akzeptieren. Passmann: «Wir können diese Dinge thematisieren, an die Öffentlichkeit tragen und zur Anzeige bringen.» Über zwei Millionen schauten «Männerwelten» zur Primetime auf ProSieben. Das 15-minütige Video der Sendung wurde seither schon fast 4 Millionen Mal angeklickt.

Zur besten Sendezeit

Die Idee für das Video hatten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Die beiden gehören zu den derzeit erfolgreichsten Moderatoren des deutschen Fernsehens, die ein mehrheitlich junges Publikum erreichen. Für «Männerwelten» haben sie beste Sendezeit zur Verfügung gestellt. Vermutlich nicht ohne Hintergedanken: 2012 griff Joko einer Messe-Hostess vor laufender Kamera und ohne ihr Einverständnis an Brust und Po und machte sich danach noch lustig über die Betroffene. Hintergrund war eine Wette mit Klaas in ihrer damaligen Sendung bei ZDF neo.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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