Die Jury der Casting-Show urteilt über eine Kandidatin. © PS

Die Jury der Casting-Show urteilt über eine Kandidatin.

Casting-Show ist Anreiz für Magersucht

fs / 11. Mai 2015 - Die TV-Sendung «Germany's next Topmodel» kann dazu beitragen, dass Mädchen eine Essstörung entwickeln. Dies geht aus einer Befragung hervor.

Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und der Bundesfachverband Essstörungen haben dafür 241 Patientinnen befragt, die zum Zeitpunkt der Befragung in Behandlung wegen einer Essstörung wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht waren.

«Absolutes Alarmsignal»

Die meisten Befragten (85 Prozent) stimmten der Aussage zu, dass die Casting-Show Essstörungen verstärken kann. Fast ein Drittel der Befragten gab an, die Casting-Show von Heidi Klum habe einen «sehr starken Einfluss» auf die Entwicklung der eigenen Essstörung gehabt. Ein weiteres Drittel sprach von einem «leichten Einfluss». Das Ergebnis der Befragung sei ein «absolutes Alarmsignal», sagt der Psychiater Manfred Lütz, Leiter des Alexianer-Krankenhauses für psychisch Kranke in Köln: «Magersucht ist die tödlichste psychische Erkrankung. Zehn bis 15 Prozent der jungen Frauen sterben daran.»

Unerreichbare Norm

Laut dem Forschungsteam des IZI propagiert «Germany's next Topmodel» grosse und superschlanke Frauen als Normalfall. Damit setze die Sendung eine Norm, die für die meisten jungen Frauen unerreichbar sei. Für junge TV-Zuschauerinnen könne es zudem fatale Folgen haben, wenn Frauen vor der Kamera auf ihren Körper reduziert und dafür kritisiert werden. Dies bestärke Mädchen in ihrer überkritischen Haltung zum eigenen Körper und könne ein Anreiz sein abzunehmen.

Eigene Gefühle verdrängen

Krank mache die Casting-Show, weil sie von den Kandidatinnen verlange, die eigenen Gefühle zu verdrängen, schreibt das Forschungsteam. Die jungen Frauen müssten die Gestaltung des eigenen Körpers durch Fremde begeistert akzeptieren. Empfindungen wie Müdigkeit und Kälte und Gefühle wie Scham, Ekel, Wut und Angst müssten sie unterdrücken, wenn sie gewinnen wollen.

«Übergewicht grösseres Problem»

«Germany's next Topmodel» wird von ProSieben ausgestrahlt. Der deutsche Privatsender wies die Kritik zurück. Die Jury weise regelmässig darauf hin, dass als Model keine Chance habe, wer hungere. Magersucht sei für Betroffene und deren Familien schlimm. Gesellschaftlich betrachtet sei Übergewicht aber das grössere Problem.

Frankreich will auf Modeschauen und bei Foto-Shootings Models verbieten, die einen bestimmten Body-Mass-Index unterschreiten. Wer gegen das Verbot verstösst, muss mit sechs Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 75’000 Euro (79’000 Franken) rechnen. Verboten werden soll auch die Anstiftung zur Magersucht – beispielsweise im Internet. Und nachträglich digital bearbeitete Fotos von Models auf Plakaten und in Zeitschriften sollen künftig gekennzeichnet werden müssen. Diesen Beschlüssen der Nationalversammlung muss die zweite Parlamentskammer noch zustimmen.

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Eine Meinung

Ein bisschen bekomme ich immer wieder das Gefühl, Frauen würden für so naiv gehalten, dass eine Casting-Show eine Mageruscht auslösen oder verstärken könne. Oder dass sie hungern um Vorbildern in den Medien nachzueifern. Nicht, dass diese einen schlechten Einfluss haben und ein unrealistisches Frauenbild reproduzieren. Aber es lässt den grossen gesellschaftlichen Zusammenhang ausser Acht, der mit Dickenfeindlichkeit, einem sehr objektiven Begriff davon was gesund ist und allgemein einer Normierung von Körpern einhergeht. Ausserdem haben Esstörungen immer auch einen grossen psychischen Anteil.
Nicola Winzer, am 11. Mai 2015 um 16:32 Uhr

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