Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser gibt keine Entwarnung. © ARD

Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser gibt keine Entwarnung.

«Kein Freibrief für Hormone in den Wechseljahren»

fs / 26. Sep 2017 - Eine neue Studie gibt Entwarnung für die Einnahme von Hormonen in den Wechseljahren. Das sei ein Missverständnis, sagt eine Expertin.

Hormone wurden einst als Wundermittel gegen Beschwerden in den Wechseljahren und zur Vorbeugung gegen Alterserscheinungen, Infarkt, Krebs und Osteoporose gepriesen. Für die Hormonpillen-Hersteller war dies ein lukrativer Markt. Dann zeigte die grosse, von der Pharmaindustrie unabhängige WHI-Langzeitstudie der US-National Institutes of Health, dass Hormone mehr schaden als nützen. Wer sie schluckt, hat ein höheres Risiko, an Thrombosen, Lungenembolien, Brustkrebs und Herzinfarkt zu erkranken. Die WHI-Studie musste deshalb 2002 abgebrochen werden.

Kein höheres Sterberisiko

Jetzt kommt scheinbar Entwarnung: Wer jahrelang Hormon-Pillen gegen Beschwerden in den Wechseljahren schluckt, hat langfristig kein höheres Sterberisiko. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, welche die Fachzeitschrift «Journal of the American Medical Association» veröffentlicht hat. Das Forschungsteam um die Präventivmedizinerin JoAnn Manson von der Universität Harvard hat das Sterberisiko von Frauen analysiert, die an der WHI-Studie mit 27’000 Frauen teilgenommen hatten. Die Hälfte der Studienteilnehmerinnen schluckte Hormone, die andere Hälfte ein Scheinpräparat. Die Frauen wussten nicht, zu welcher Gruppe sie gehörten.

Positive Schlagzeilen

Die neue Studie kommt zum Schluss, dass Frauen, welche Hormone schluckten, in den zwölf Jahren nach Abbruch der WHI-Studie kein höheres Sterberisiko hatten als Frauen, die keine Hormone schluckten. Entsprechend positiv waren die Schlagzeilen in den Medien: «Forscher bewerten Hormontherapie neu» (Spiegel), «Hormontherapien sind weniger riskant als gedacht» (Die Welt), «Hormon-Präparate erhöhen nicht das Sterberisiko» (Deutschlandfunk) oder «Imagekorrektur für Hormone» (Tiroler Tageszeitung).

Keine Entwarnung

Keine Entwarnung gibt hingegen Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Hamburg. Die neue Studie sei kein Freibrief für die unkritische Hormonabgabe in den Wechseljahren. Wenn langfristig nicht mehr Frauen sterben, sei dies erfreulich. Doch heute nehme niemand mehr jahrelang Hormone zur Krankheitsverhütung und Lebensverlängerung. Man müsse deshalb die unerwünschten Nebenwirkungen und nicht nur die Sterblichkeit beachten, sagte Mühlhauser der «Süddeutschen Zeitung». Die gesundheitlichen Gefahren hat die WHI-Studie aufgezeigt: Frauen, die Hormone schluckten, hatten mehr Schlaganfälle, Herzinfarkte und Thrombosen und Embolien als Frauen, die keine Hormone schluckten. Auch der Anteil der Frauen mit Brustkrebs war unter der Hormongabe erhöht. Laut Ingrid Mühlhauser gibt es dazu keine neuen Erkenntnisse und deshalb ändere die neue Studie nichts an den bisherigen Empfehlungen: «Frauen, die erhebliche Beschwerden haben, können Hormone einnehmen – allerdings möglichst kurz und in einer möglichst niedrigen Dosierung.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Neben den Abonnements-Einnahmen machen dies Spenden möglich.

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto
CH72 0900 0000 8001 5320 8 (CHF)
DE35 7001 0080 0058 5958 07 (Euro)
BIC: PBNKDEFF

Eine Meinung

Tja, ich geb's zu, ich habe kapituliert. Habe jahrelang mit allen möglichen natürlichen Mittelchen experimentiert, zweitweise sogar auf meinen Rotwein verzichtet. Jetzt schlucke ich Hormonersatz-Pillen. Und ich schlafe wieder nachts, habe weniger miese Laune und schwitze nur noch beim Sport. In meiner persönlichen Bilanz ist der Nutzen gross genug, dass ich die Risiken in Kauf nehme.
Diese Risiken waren übrigens schon seit den frühen 90er-Jahren bekannt, die Medien wollten aber damals noch nicht darüber berichten. Ich will deshalb andere Frauen auf keinen Fall dazu überreden, Hormone zu schlucken. Sie helfen übrigens auch nicht allen gleich gut.
Anna Sax, am 26. September 2017 um 14:11 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung zu äussern. Wir möchten Missbräuche anonymer User möglichst vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern.