«Prostitution erschüttert Dich im Innersten», sagt eine frühere Prostituierte. © stuttgart-sagt-stopp.de

«Prostitution erschüttert Dich im Innersten», sagt eine frühere Prostituierte.

«Sich zu prostituieren geht nicht ohne Drogen»

fs / 24. Sep 2020 - Politik und Hilfsorganisationen behaupten, Prostitution sei ein Job wie jeder andere. Wenn man Prostituierten zuhört, tönt dies anders.

Es gibt kaum Prostitution ohne Zwang, lautet das Fazit von SonntagsBlick-Reporterin Aline Wüst. Sie hat mit über 100 Prostituierten gesprochen und ihre Aussagen im Buch «Piff, Paff, Puff» veröffentlicht. Zuerst hörte Wüst nur Floskeln. Erst mit der Zeit vertrauten sich die Prostituierten der Reporterin an.

«Diese Tätigkeit erschüttert dich im Innersten»

Die 57-jährige Zora prostituierte sich während zehn Jahren: «Sich zu prostituieren, geht wirklich jeder Frau an die Gefühle. Wenn du einen nackten Mann vor dir hast, der geil ist und dich anhechelt – das geht nicht ohne Drogen. Diese Tätigkeit erschüttert dich im Innersten. Ich habe Interviews gelesen von Frauen, die sagen, sie könnten diese Arbeit in ihr Leben integrieren. Ich selber habe niemanden kennengelernt, der das ohne Drogen konnte – aber vielleicht gibt es ja wirklich solche.»

Die 33-jährige Bulgarin Dina erzählte, dass sie täglich eine Flasche Wein trinkt, «damit das alles besser geht». Sie wolle aufhören. Später hörte Reporterin Wüst, dass sie den Ausstieg nicht geschafft hatte, harte Drogen nimmt und völlig abgemagert ist. Eine der Kolleginnen von Dina aus dem Bordell sagte: «Ich kenne Dina schon eine Weile. Schon ihr ganzes Leben sucht sie verzweifelt nach Liebe, nach irgendjemandem, der sie liebt.» Nun sei es zu spät. «Ich glaube nicht, dass Dina noch lange leben wird.»

Mehrere Frauen erzählten Wüst, dass sie Alkohol trinken und Drogen nehmen, um den Alltag auszuhalten. Sie würden oft nicht mehr wissen, was sie im Zimmer getan haben. «Ein starkes Indiz dafür, dass ihre Psyche sie durch Abspaltung vor traumatischen Eindrücken schützt», schrieb Wüst im «SonntagsBlick».

«Diese Frauen erleben jeden Tag mehrere Vergewaltigungen»

Eine Frau, die von ihrem Freund in die Prostitution gedrängt wurde, sagte Wüst: «Wenn mich in den letzten zehn Jahren jemand gefragt hätte, ob ich das freiwillig mache, hätte ich bis zum letzten Tag gesagt: Sicher mache ich das freiwillig – keine Frau würde zugeben, dass sie für einen Mann anschafft!» Bordellbetreiberin Anna sagte Wüst: «Wenn ein Mann im Hintergrund Druck ausübt, was heute fast immer der Fall ist, dann fühlt sich das, was im Zimmer passiert, für die Frau wie eine Vergewaltigung an. Diese Frauen erleben also jeden Tag mehrere Vergewaltigungen.»

Prostituierten zuhören

Man müsse Prostituierten zuhören und aushalten, was sie zu erzählen haben, sagt Wüst. Das könne auch grausam sein. Doch was Prostituierte selber über ihr Leben erzählen, sei bedeutsam. Ihre Geschichten seien ähnlich. Häufig sei von Gewalt in der Prostitution und zuvor in ihrer Kindheit die Rede. Viele fürchten um ihre Existenz, wenn sie sich wehren. Hinzu kommt, dass die Frauen meist kaum Deutsch sprechen und isoliert sind. Wüst: «Ihre Stimme werden sie nicht erheben. Und ihr Recht auf ein selbstbestimmtes, sicheres Leben niemals einfordern. Viel zu sehr sind sie damit beschäftigt zu überleben.»

Mit Geld kaschierte Gewalt

In der Schweiz und in Deutschland gilt «freiwillige» Prostitution als ein Job wie jeder andere. Doch Prostitution ganz ohne Zwang gebe es kaum, sagt Wüst. Diese Ansicht teilen zwei Deutsche, die aus der Prostitution aussteigen konnten. Anna Schreiber hat sich während zwei Jahren prostituiert und ist heute Psychotherapeutin. «Freiwillige» Prostitution sei ein Märchen, sagt sie. Entweder seien finanzielle Zwänge oder Gewalt der Grund, dass Frauen sich prostituieren. Käuflicher Sex sei nie einvernehmlich, sondern mit Geld kaschierte Gewalt. Sie fordert, Prostitution wie die Sklaverei abzuschaffen.

«Staatlich tolerierter Missbrauch»

Sandra Norak gelang nach sechs Jahren der Ausstieg aus der «freiwilligen» Prostitution. Sie spricht von «staatlich toleriertem Missbrauch». Prostitution sei keine Arbeit, sondern eine Verletzung der Menschenwürde. «Sie macht immer etwas mit einem. Egal, ob ein Mensch vermeintlich einwilligt oder nicht.» Prostitution zerstöre die eigene Identität, so dass man keinen Widerstand mehr leisten könne, sagt Norak. «Davon profitieren Zuhälter, Menschenhändler und Sexkäufer.» Der Staat habe mit der Legalisierung den Sexkauf bagatellisiert und normalisiert, statt ihn als Verletzung der Menschenwürde zu verurteilen und zu verbieten.

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Aline Wüst, Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz, Echtzeit-Verlag, CH-Basel 2020, EAN 9783906807171, ISBN 978-3-906807-17-1, CHF 30.– / EUR 26.–.

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Eine Meinung

Prostitution ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Es ist, wie Frau Norak es ausdrückt und dem man nur zustimmen kann, «staatlich tolerierter Missbrauch". Sogar an Minderjährigen. In der Schweiz. Unerträglich.
Gerhard Gstrein, am 09. Oktober 2020 um 20:10 Uhr

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