Marlies Krämer kritisiert, dass sie auf Vordrucken als «Kunde» bezeichnet wird. © ard

Marlies Krämer kritisiert, dass sie auf Vordrucken als «Kunde» bezeichnet wird.

«Es geht nicht um Sprachverbote, sondern um Respekt»

fs / 17. Mai 2018 - Der Widerstand gegen geschlechtergerechte Sprache ist gross. Ein Sprachwissenschaftler fordert Kritiker auf, die Perspektive zu wechseln.

In Deutschland steht geschlechtergerechte, 'politisch korrekte' Sprache in der Kritik. In Feuilletons, sozialen Medien und offenen Briefen ist von «Sprachaposteln» die Rede, die «Sprachverbote» aussprechen. Wer diese nicht beachte, werde geächtet.

Realitätsferne Kritik

In der Realität zeigt sich jedoch ein anderes Bild: So hat kürzlich ein deutsches Höchstgericht die Klage der 80-jährigen Marlies Krämer abgelehnt und entschieden, dass ihre Sparkasse sie weiterhin als «Kunde» ansprechen darf. «Statt gesellschaftlicher Ächtung erfuhr der Sparkassenverband den höchstrichterlichen Zuspruch des Bundesgerichtshofes», schreibt der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin in einem Gastbeitrag für die «Hannoversche Allgemeine Zeitung».

«Moralapostel» gescheitert

Ein weiteres Beispiel ist die harsche Kritik in Feuilletons und sozialen Medien zum Vorschlag, die Nationalhymne geschlechtsneutral zu formulieren. Die Kritik stiess nicht etwa auf Ablehnung, sondern auf Zustimmung von höchster politischer Stelle: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) lehnten jede Änderung ausdrücklich ab. Stefanowitsch: «Wenn es den 'politisch korrekten Moralaposteln' um Sprachverbote ginge, müsste man ihnen also ein Scheitern auf ganzer Linie bescheinigen.»

«Frauen mutet man das zu»

Laut Stefanowitsch geht es jedoch nicht um Sprachverbote, sondern um gegenseitigen Respekt. Er fordert Kritiker der geschlechtergerechten Sprache auf, sich in die Haut von Menschen zu versetzen, die sprachlich diskriminiert werden. Männer sollten sich beispielsweise fragen, ob sie auf Bankformularen auch bloss «mitgemeint» sein und als «Kundin» bezeichnet werden möchten. Frauen mute man dies zu. Dies zu ändern, habe nichts mit Sprachverboten zu tun. Stefanowitsch: «Das Grundprinzip der 'politisch korrekten' Sprache ist die goldene Regel der praktischen Ethik, bekannt durch das Sprichwort 'Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu'. Oder, auf sprachliches Handeln angewendet: 'Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.'»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Neben den Abonnements-Einnahmen machen dies Spenden möglich.

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto
CH72 0900 0000 8001 5320 8 (CHF)
DE35 7001 0080 0058 5958 07 (Euro)
BIC: PBNKDEFF

2 Meinungen

Ich habe über Jahrzehnte in diesem Sinn auch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen eine eigene Identität haben und dies auch sichtbar gemacht werden muss. Es gibt schon beim Lesen von Texten ein schales Gefühl zu denen zu gehören, die mit gemeint sein sollen, aber es oft nicht sind bzw. deren Situation gar nicht dargestellt wird.
Es war eine Zumutung, dass Frauen kein Stimmrecht hatten sich dem Willen des Mannes unterzuordnen hatten usw. Dies soll mit einer Sprache des mitgemeint seins nun weiter tradiert werden. Denn Frauenleben fühlen sich anders an verlaufen anders und unterstehen anderen Gesetzmässigkeiten. Ich denke im Rahmen der Gleichstellung sollte es endlich auch selbstverständlich sein, dass sie auch als Ganze eigenständige Personen dargestellt werden. Und dies muss auch über die zu verwendende Sprache realisiert werden.
Martha Beéry, am 17. Mai 2018 um 11:45 Uhr
Ich habe vor ca. 7 Jahren ein Baugesuch bei meiner Gemeinde eingereicht. Auf dem Formular habe ich alle Anreden von der «Bauherr» in «Baufrau» umgewandelt. Dies wurde nicht statt gegeben, die Begründung: auch wenn ich ein Frau sei, müsse ich den Antrag als «Bauherr» akzeptieren nach irgendwelchen Paragraphen der Landesverordnung BW. Daraufhin habe ich meinen Antrag zurück gezogen, denn ich wollte nicht als «Herr» bauen, denn ich bin eine Frau. Dies habe ich auch den Behörden geschrieben und keine Antwort erhalten. Ich finde es traurig, nicht als Frau bauen zu dürfen und das im Jahr 2011 !!!! Gerda Wurz
Gerda Wurz, am 23. Mai 2018 um 12:19 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung zu äussern. Wir möchten Missbräuche anonymer User möglichst vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern.