«Das Merkel» verhöhnt die mächtigste Frau Europas. © mmw

«Das Merkel» verhöhnt die mächtigste Frau Europas.

Wie Sprache mächtige Frauen degradiert

bbm / 13. Apr 2016 - Wer Frauen sprachlich neutralisiert, diszipliniert sie. Betroffen sind vor allem Frauen, die sich nicht rollenkonform verhalten.

«Das Merkel muss weg» schreiben die Gegner ihrer Flüchtlingspolitik in sozialen Medien und Kommentaren. Wer den Familiennamen der Bundeskanzlerin ins herablassende Neutrum setzt, verhöhnt und degradiert sie, sagen Linguistinnen. Männliche Politiker seien von solchen Neutralisierungen nicht betroffen.

Disziplinierung mächtiger Frauen

Am Beispiel von Angela Merkel hat die Mainzer Linguistin Damaris Nübling den Mechanismus in einem Artikel beschrieben. Merkel werde mit dem Neutrum ihres Familiennamens das Frausein abgesprochen. Grund dafür sei, dass sie sich nicht rollenkonform verhalte: Sie interessiere sich nicht für ihr Äusseres und strebe nach Macht. «Dafür wird sie mit dem Entzug des Femininums bestraft – aber nicht etwa ins Maskulinum erhoben.» Das Neutrum «das Merkel» sei eine «subtil-grammatische Methode», um der mächtigsten Frau Europas die Handlungsfähigkeit abzusprechen. Über «das Merkel» werde oft in einer Passivkonstruktion gesprochen, was diesen Effekt verstärke: «Sie handelt nicht selbst, vielmehr ist sie direktes Objekt der Handlungen anderer.» Das Neutrum wirke bei Frauen, die sich nicht rollenkonform verhalten, «disziplinierend-aggressiv», schreibt Nübling.

Sächliche Vornamen in Dialekten

Bei den Vornamen drücke das Neutrum in deutschsprachigen Dialekten oft Wertschätzung und Nähe aus. Solche Vornamen kommen vor allem im Süden und Westen Deutschlands und in der deutschsprachigen Schweiz vor. So kann «die Rita» im Rheinland «dat Rita» (das Rita) heissen, In der Schweiz kann die Heidi als «ds Heidi» bezeichnet werden. Das Neutrum als Wertschätzung gelte jedoch nur für Frauen, die sich rollenkonform verhalten, schreibt Damaris Nübling. Hingegen würden Frauen, die sich der männlichen Kontrolle entziehen und die allenfalls mit Männern beruflich in Konkurrenz treten, mit der weiblichen Artikelform (die Rita) bezeichnet. Das Femininum drücke im Dialekt Distanz aus. «Solche ‚gefährlichen’ Frauen werden also grammatisch ernstgenommen.»

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