Inna Schewtschenko: «Mein Aktivismus hat keine Grenzen.» © France 24

Inna Schewtschenko: «Mein Aktivismus hat keine Grenzen.»

«Deshalb muss der Kampf für Frauenrechte weitergehen»

fs / 25. Feb 2020 - Eine junge Ukrainerin wurde entführt, gefoltert und musste ins Exil, weil sie sich für Frauenrechte engagierte. Sie will trotzdem weitermachen.

Die ukrainische Feministin Inna Schewtschenko lebt seit acht Jahren im Exil in Frankreich. Sie ist Mitglied der Gruppe «Femen», die mit politischen Slogans auf nackten Frauenkörpern und überraschenden Aktionen für Aufsehen sorgte. 2011 wurde Schewtschenko nach einer Aktion in Minsk zusammen mit zwei anderen Aktivistinnnen von Agenten des russischen Geheimdienstes entführt und gefoltert.

Kampf für Frauenrechte

Kürzlich hat die heute 30-Jährige ein Buch über ihre Kindheit herausgegeben. Aufgewachsen ist Schewtschenko nach dem Zerfall der Sowjetunion. Geprägt habe sie der Kampf der Ukraine für Unabhängigkeit, Würde, Demokratie, sagte sie dem Nachrichtensender «France 24». Und sie habe erlebt, dass Frauen zwar in der Erwerbarbeit gleichberechtigt gewesen seien. Doch ausserhalb der Betriebe hätten Frauen ohne sich zu beklagen allein die Last der unbezahlten Arbeit getragen. «Wenn ich all das in meiner Kindheit nicht beobachtet hätte, hätte ich mich nicht entschieden, für meine eigene Unabhängigkeit zu kämpfen.»

Politische Slogans auf Frauenkörpern

Als junge Frau sei sie vom Land nach Kiew gekommen und habe Journalistin werden wollen. Doch in ihrem ersten Job habe sie festgestellt, dass sie mit ihrer Arbeit nicht zur Meinungsfreiheit beitrug, sondern dazu, das System aufrecht zu erhalten. Sie habe ausbrechen, auf die Strasse gehen und schreien wollen. Dann habe sie realisiert, dass sich niemand für die Stimme einer Frau interessiert. «Aber alle schauen gerne Frauenkörper an.» Schewtschenko schloss sich der Gruppe «Femen» an, die mit politischen Slogans auf nackten Frauenkörpern für Aufsehen sorgen.

Frauen sollen ihre Meinung sagen können

Die Slogans auf nackten Frauenkörpern sind unter Feministinnen bis heute umstritten. Schewtschenko sagt, man könne diese Taktik gutheissen oder nicht. Doch die Reaktion der Behörden darauf sei völlig übertrieben gewesen. Wer sich entblösse, um politische Slogans auf dem Körper zu zeigen, dürfe deswegen nicht entführt, gefoltert und ins Exil gezwungen werden. Der Kampf für Meinungs- und Gewissensfreiheit ist laut Schewtschenko für Feministinnen zentral. Sie sei die Basis aller Freiheiten. «Niemand leidet unter zu viel Meinungsfreiheit, viele leiden unter deren Fehlen.» Aufgewachsen in einer «Gesellschaft der Zensur und des Schweigens» habe sie am eigenen Leib erfahren, wie wertvoll die Meinungs- und Gewissensfreiheit ist. Frauen sollen auf der ganzen Welt ihre Meinung sagen können, ohne Angst haben zu müssen, dafür bestraft zu werden. «Deshalb muss der Kampf weitergehen.» Sie nutze heute jede Möglichkeit, sich für Frauenrechte zu engagieren. «Mein Aktivismus hat keine Grenzen.»

Feministinnen sind Staatsfeindinnen

In Russland hat die Polizei kürzlich einen Videodreh der feministischen Punk-Band «Pussy Riot» zeitweise unterbrochen. Die Aufnahme propagiere Homosexualität, hiess es zur Begründung. Dies ist in Russland seit 2013 ein Straftatbestand. Nadeschda Tolokonnikowa, das bekannteste Gesicht der Band, schrieb auf Facebook, die Single «Besit» handle vom Schmerz, den Feministinnen und queere Menschen empfinden, weil man sie zu Staatsfeindinnen erklärt. «Pussy Riot» kritisieren seit Jahren mit Aufsehen erregenden Aktionen den russischen Machtapparat und fordern Kunst- und Redefreiheit. Auch Gefängnisstrafen können die Aktivistinnen nicht bremsen. So wurden Tolokonnikowa und ihre Mitstreiterin Maria Aljochina 2012 zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie in einer Moskauer Kathedrale ein feministisches Punk-Gebet gesprochen hatten: «Mutter Gottes, Jungfrau, werde Feministin, vertreibe Putin». Aus Protest gegen dieses Urteil zersägte damals Inna Schewtschenko in Kiew mit der Motorsäge ein Holzkreuz. Darauf erhielt sie Morddrohungen und die ukrainische Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren ein. Schewtschenko drohten vier Jahre Haft. Kurz darauf ging sie ins Exil nach Frankreich.

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