20 Politikerinnen beschreiben subtile Strategien gegen Frauen. © srf

20 Politikerinnen beschreiben subtile Strategien gegen Frauen.

«Mir wird die Kompetenz abgesprochen»

fs / 11. Jan 2018 - In der Schweiz machen Politikerinnen öffentlich, wie Politiker und Journalisten sie klein halten wollen. Die Methoden sind altbekannt.

20 Nationalrätinnen von links bis rechts haben gegenüber dem öffentlich-rechtlichen TV-Sender SRF gesagt, wie Politiker und Journalisten sie wegen ihres Geschlechts herabsetzen. Zu den Methoden gehören ignorieren, Kompetenz absprechen und auf Äusserlichkeiten reduzieren.

Kompetenzen absprechen

  • Kathrin Bertschy, Nationalrätin (GLP): «Ich bin jetzt sechs Jahre im Parlament und habe schon dreimal erlebt, dass mir am Rednerpult die Kompetenzen abgesprochen wurden und zwar in Geschäften, wo ich sehr gut vorbereitet war. Es ging um Wirtschaftspolitik. Ich habe Ökonomie studiert und war in der Kommission und habe das Geschäft für meine Partei vertreten. Das einzige Argument, das ein männlicher Redner gegen die Vorlage, gegen meine Argumente einzubringen hatte war, dass ich von der Vorlage sowieso nichts verstehe. Er hat mir die Kompetenzen abgesprochen.»
  • Ida Glanzmann-Hunkeler (CVP): «Obwohl ich seit elf Jahren in der sicherheitspolitischen Kommission bin, die Sachgeschäfte und die Strukturen der Armee sehr gut kenne, werde ich immer wieder von Männern gefragt, wieso eine Frau, die nichts mit der Armee am Hut hat, in dieser Kommission ist. Mittlerweile bin ich Vizepräsidentin dieser Kommission und der CVP und dies zeigt mir, dass ich Anerkennung finde mit meiner Arbeit und auch geschätzt werde.»
  • Martina Munz (SP): «Ich ärgere mich gewaltig, dass Frauen in technischen Fragen nicht als kompetent angesehen werden. In Gesprächen, in Sitzungen, wenn wir Fragen nach technischen Gegebenheiten stellen, bekommen wir Trivialantworten und sogar Kollegen ohne Fachkompetenz schalten sich mit dümmlichen Antworten ein. Ich muss immer zuerst sagen, dass ich Ingenieurin bin, bevor ich richtige Antworten erhalte.»

Ignorieren

  • Viola Amherd (CVP): «Ich habe es erlebt, dass ich an Sitzungen eine Idee in die Diskussion eingebracht habe. Über die wurde einfach hinweggeschaut. Wenn zehn Minuten später ein Mann dann die gleiche Idee aufgenommen hat, dann war sie plötzlich super und es wurde darüber diskutiert.»
  • Yvette Estermann (SVP): «Ich erlebe es immer wieder überall dort, wo Frauen in Konkurrenz zu Männern stehen, dass die Männer etwas weniger aufmerksam zuhören, wenn eine Frau spricht. Deshalb müssen wir Frauen uns etwas mehr anstrengen, wenn wir wollen, dass unsere Botschaft auch bei den Männern ankommt.»
  • Regula Rytz (Grüne): «Stärke wird im Bundeshaus gerne mit Lautstärke verwechselt. Man hat das Gefühl, dass Politiker laut und provozierend sein müssen, und das sind Frauen oft nicht. Ein Journalist hat deshalb einmal über mich geschrieben: ‹Die Präsidentin der Grünen ist so unauffällig wie eine Zierpflanze in einem Swingerclub.› Er hat also gesagt, ich sei eine Zierpflanze in einem Sexclub. Das sagt doch sehr viel, aber nicht über mich.»

Auf Äusserlichkeiten reduzieren

  • Ruth Humbel (CVP): «Frauen werden häufig auf das Äussere reduziert. Wenn ich mich beispielsweise in der Gesundheitspolitik für Prävention, mehr Bewegung und ausgewogene Ernährung einsetze, dann werde ich oft als dünne und genussfeindliche Asketin bezeichnet. Ich habe noch nie gehört, dass einem schlanken Mann so etwas vorgeworfen worden ist.»
  • Isabelle Moret, Nationalrätin (FDP): «Als ich eine junge und unerfahrene Parlamentarierin war, habe ich an einer sehr lebhaften TV-Debatte mit einem linken Parteipräsidenten ein starkes Argument gebracht. Er hat mich angelächelt und gesagt, wenn es so charmant gesagt werde, müsse er nicht antworten. Er wollte mich absichtlich auf eine junge und charmante Frau reduzieren. Ich war damals unerfahren. Es ist mir zweimal in einer Debatte mit ihm passiert. Beim dritten Mal bereitete ich mich darauf vor, um ihn mit einem Schockargument zu kontern. Aber ich brauchte es nicht, weil die Frauenabteilung seiner Partei sich bei ihm beschwert hatte.»
  • Irène Kälin (Grüne): «Der wohl meist gesagte Satz in meiner ersten Session war, dass man als junge Frau nicht ernst genommen werde, wenn man sich nicht besonders gut vorbereite. Zu Beginn war es ganz klar so, dass wenn ich in der Öffentlichkeit, insbesondere am Fernsehen, Aussagen machte, ich keine Rückmeldungen zum Inhalt bekam, sondern nur dazu, was ich getragen habe, und wie die Frisur ausgesehen hat, und dass das in der Regel nicht gefallen hat.»
  • Priska Seiler Graf, Nationalrätin (SP): «Bei Frauen werden gewisse Ämter oder Taten anders bewertet als bei Männern. Ich habe das selber erlebt. Ich habe verschiedene Aufgaben, verschiedene Ämter, ich vernetze mich gut und versuche, meinen Einfluss wahrzunehmen. Bei Männern wird das als Tugend gesehen und man findet das richtig und wichtig. Bei mir wird das kritisiert. Man sagt, ich sei verfilzt, ich hätte nicht genug Zeit für alle diese Ämter, ich tanze auf zuvielen Hochzeiten. Ich erinnere mich an eine heftige Debatte im Zürcher Kantonsrat. Ich hatte ein sehr dezidiertes Votum. Ein Ratskollege von bürgerlicher Seite sagte dann: ‹Ach, weisst du, ich schaue dir so gerne zu, wenn du dich aufregst. Das ist so herzig.› Das ist niederschmetternd. Da fühlt man sich wirklich nicht ernst genommen.»

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