Andrea Nahles scheiterte nach kurzer Zeit am parteiinternen Widerstand. © phonix

Andrea Nahles scheiterte nach kurzer Zeit am parteiinternen Widerstand.

Parteien machen es Frauen schwer

fs / 25. Jun 2019 - Politikerinnen kommen oft erst in Führungspositionen, wenn die Gefahr des Scheiterns am grössten ist. Andrea Nahles und Theresa May sind beispielhaft.

Andrea Nahles wurde in Folge der verlorenen Bundestagswahl Parteivorsitzende der SPD und war damit die erste Frau in diesem Amt. Nur ein gutes Jahr nach ihrem Amtsantritt trat sie kürzlich nach der verlorenen Europawahl von allen Ämtern zurück.

Nach zwei Jahren gescheitert

Ähnlich erging es Theresa May: Vor zwei Jahren wurde sie Nachfolgerin von David Cameron, nachdem dieser eine Brexit-Abstimmung verloren hatte und deshalb zurücktrat. Ein Jahr später verloren die Konservativen bei vorgezogenen Wahlen ihre Mehrheit im Parlament. In der Folge war es für May praktisch unmöglich, einen Brexit-Vertrag auszuhandeln. Gesellschaft und die konservative Partei waren und sind gespalten. Auf innerparteilichen Druck musste sie schliesslich zurücktreten.

Politikerinnen müssen jede Chance ergreifen

Politologin Birgit Sauer sagte dem österreichischen Wochenmagazin «News», dass Frauen es in den Parteien seit jeher schwerer als Männern haben, in Machtpositionen zu kommen. Sie müssen deshalb jede Chance ergreifen, auch wenn sie damit ein hohes Risiko eingehen. «Frauen wollen wie Männer in politische Entscheidungspositionen, nur wird es ihnen schwerer gemacht.»

Parteichefinnen

Beispiele von Politikerinnen, die in Krisen parteiintern in Führungspositionen gelangt sind:

  • In Österreich wurde Pamela Rendi-Wagner letztes Jahr – ähnlich wie Andrea Nahles – erste Parteichefin der SPÖ, als diese in einer tiefen Krise steckte. Seit der verlorenen Europawahl ist Rendi-Wagner parteiintern bereits wieder umstritten. Laut Politologin Birgit Sauer hat sie das Amt übernommen, als die Zustimmungswerte zur SPÖ deutlich am Sinken waren. Doch eine inhaltliche Neuaufstellung der Partei sei wegen der innerparteilichen Zerstrittenheit von Anfang an unmöglich gewesen.
  • In Deutschland konnte Angela Merkel im Jahr 2000 den Parteivorsitz der CDU übernehmen, als die Partei wegen einer Parteispendenaffäre in einer tiefen Krise steckte. Sie behielt den Vorsitz 18 Jahre lang und ist seit 2005 Regierungschefin.

Regierungschefinnen

Beispiele von Politikerinnen, die in Krisenzeiten erste Regierungschefinnen wurden:

  • In Österreich ist mit Brigitte Bierlein erstmals eine Frau Kanzlerin. Sie hat das Amt übernommen, nachdem das Parlament erstmals eine Regierung abgewählt hatte. Bierlein wird voraussichtlich nur bis Ende September Regierungschefin sein.
  • In Griechenland wurde 2015 Vasiliki Thanou-Christofilou erste Ministerpräsidentin. Sie kam ins Amt, nachdem die Regierung von Alexis Tsipras ihren Rücktritt erklärt hatte. Wie Bierlein war Thanou-Christofilou zuvor Höchstrichterin. Sie blieb nur bis zur Neuwahl des Parlamentes Regierungschefin.
  • In Island wurde 2008 mit Jóhanna Sigurdardóttir erstmals eine Frau Premierministerin, nachdem das Bankensystem zusammengebrochen und das Land in einer existenziellen Krise war. Sigurdardóttir hatte das Amt bis 2013 inne.

«Gläserne Klippe»

Wie in der Politik gelangen auch in der Wirtschaft Frauen oft erst in Führungspositionen, wenn das Risiko des Scheiterns gross ist. Dieses Phänomen haben die Psychologin Michelle K. Ryan von der Universität Exeter und ihr Kollege Alexander Haslam vor Jahren als «Gläserne Klippe» (Glass Cliff) beschrieben. Danach werden in der Wirtschaft weibliche Führungskräfte häufiger auf Führungspositionen befördert, wenn das Risiko des Scheiterns besonders gross ist, beispielsweise in Krisenzeiten eines Unternehmens.

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Eine Meinung

Vor vielen Jahren habe ich das Buch «Antrittsrede der amerikanischen Päpstin» von Esther Vilar gelesen - ein lohnenswertes Buch genau zu diesem Thema.

Heute gehen viele junge Frauen mutig voran, übernehmen Führungsrollen (z.B. in der Klimadiskussion) und warten nicht, bis gescheiterte männliche Hierarchien ihnen einen Platz zugestehen.
Ursula Lüthi Hostettler, am 04. August 2019 um 09:59 Uhr

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