Verhütungspillen: Gefährliche Blutgerinnsel sind eine mögliche Nebenwirkung. © meix

Verhütungspillen: Gefährliche Blutgerinnsel sind eine mögliche Nebenwirkung.

Frauen sollen Pille mit unbekanntem Risiko schlucken

fs / 29. Jun 2021 - Mit «Drovelis» ist kürzlich eine Verhütungspille auf den Markt gekommen, deren Thromboserisiko man erst in sechs Jahren kennt.

Die neue Verhütungspille enthält zum ersten Mal das auf pflanzlicher Basis hergestellte Östrogen Estetrol. Laut dem Hersteller «Gedeon Richter» wird Estetrol vom Fötus produziert und ist ab der neunten Schwangerschaftswoche im Blut der Mutter nachweisbar. Das für «Drovelis» pflanzlich hergestellte Estetrol sei «bioidentisch».

Unter Thrombose-Verdacht

«Drovelis» enthält jedoch zudem das Gestagen Drospirenon. Dieser Wirkstoff steht seit langem im Verdacht, ein vergleichsweise höheres Risiko für lebensgefährliche Blutgerinnsel zu haben. Solche Thrombosen sind als mögliche Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel bekannt. Sie entstehen in den Venen und können zu lebensgefährlichen Schlaganfällen und Embolien führen. Ob die neue Pille in Bezug auf Thrombosen sicherer ist als andere, weiss niemand. Denn in den Studien wurde «Drovelis» nicht mit anderen Verhütungspillen verglichen, berichtete «spiegel.de». Wer die Pille schluckt, nimmt also an einem Experiment zum Thromboserisiko von «Drovelis» teil.

Laxe Zulassungsbehörden

Die zuständigen Behörden der EU und der USA haben die Pille kürzlich zugelassen. Die US-Behörde FDA fordert vom Hersteller zwar eine Studie zur Sicherheit der Wirkstoffkombination. Diese muss allerdings erst im Juni 2027 vorliegen. Die Herstellerfirma «Gedeon Richter» behauptet, es wäre ein «Wunder», wenn das Thromboserisiko bei der neuen Pille nicht geringer wäre als bei vergleichbaren Medikamenten. Denn beim pflanzlich hergestellten Estetrol handle es sich um einen «natürlichen» Bestandteil. In der Schweiz läuft das Zulassungsverfahren noch.

Geschädigte allein gelassen

Laut «spiegel.de» muss nach der Zulassung keine Behörde oder staatliche Stelle überprüfen, wie schädlich die Pille ist. Ärztinnen und Ärzte können vermutete Nebenwirkungen den Behörden melden. Doch falls sie diesen unbezahlten Aufwand vermeiden, drohen keinerlei Sanktionen. Wer gesundheitliche Schäden erleidet, muss vor Gericht selber den Beweis erbringen, dass die Pille die Ursache dafür ist. In den USA ist das einfacher, weil Sammelklagen möglich sind und riesige Schadenersatzzahlungen drohen. Deshalb hat der Pharmakonzern Bayer bereits über zwei Milliarden US-Dollar an Geschädigte von Verhütungspillen mit Drospirenon gezahlt, allerdings ohne eine Haftung anzuerkennen. Betroffene in Europa gingen bisher leer aus.

Chancenlose Klägerinnen

In Deutschland kämpft Felicitas Rohrer seit zehn Jahren erfolglos für Schadenersatz. Ende Juni hat das Oberlandesgericht Karlsruhe in zweiter Instanz ihre Klage gegen Bayer abgewiesen. Rohrer habe nicht beweisen können, dass die Pille mit dem Wirkstoff Drospirenon der Grund für die lebensgefährliche Lungenembolie war, die sie vor zwölf Jahren erlitten hatte. Eine Revision liess das Gericht nicht zu. Dagegen ist Beschwerde beim Bundesgerichtshof möglich (Aktenzeichen: 14 U 19/19).

In der Schweiz hat das Bundesgericht mit dem gleichen Argument Anfang 2015 die Klage einer jungen Frau abgewiesen. Sie hatte nach der Einnahme einer Verhütungspille mit dem Wirkstoff Drospirenon eine Lungenembolie erlitten und ist seither schwerst behindert.

Lukratives Geschäft

In zahlreichen Ländern empfehlen unabhängige Institutionen und viele Ärztinnen und Ärzte vorrangig die Pillen der 2. Generation mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, weil das Risiko einer Thrombose geringer ist als bei neueren Pillen der 3. oder 4. Generation mit Wirkstoffen wie Desogestrel und Drospirenon. Verhütungspillen sind für Pharmakonzerne ein lukratives Geschäft. Auslaufende Patente sind der Grund dafür, dass immer wieder neue Verhütungspillen auf den Markt kommen.

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